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Articles by Ella Rendtorff
Utopische Lyrik : Zwischen Stoppelfeldern und Stotterfehlern
Es gibt Orte, die nur in Gedanken existieren. Utopien sind solche Nicht-Orte, die immer nur verheißen, aber nie real werden. Und doch steckt im Utopischen ein Aufbruch, ein Umdenken, ein Freilegen der Möglichkeiten. Mit „Utopia“ verfasste Thomas Morus das literarische Fundament einer Gemeinschaft der Guten und Gerechten.
Queere Stadtführung durch Berlin : Schrill, politisch, unbeugsam
Gaby Tupper ist eine Person, die schon von Weitem zu sehen ist. In allen Farben des Regenbogens leuchtend, steuert sie auf das Café Ulrichs in Berlin-Schöneberg zu. Hier, vor den Fenstern des gemeinnützigen, queeren Etablissements, in dem es Kaffee, Kuchen und ein Aids-Testzentrum gibt, hat sich an diesem Freitagnachmittag bereits ein Grüppchen zusammengefunden.
Filmkunst in München über Vulkanausbruch: Wie berauschend, so ein Weltuntergang
Indonesien, 1883: Eine gewaltige Explosion erschüttert die Meerenge zwischen Java und Sumatra. Druckwellen verbreiten sich über den gesamten Globus – bis in den Ärmelkanal und nach New York schlagen die Messgeräte aus. Der historische Vulkanausbruch auf der indonesischen Insel Krakatau verursachte den lautesten Knall in der wissenschaftlich dokumentierten Geschichte der Erde. Eine Naturkatastrophe, deren Nachricht sich erstmals weltweit über Kabeltelegrafen in den Medien verbreitete.
Graphic Novel „Al-Fazia“ von Tobi Dahmen: Von der Kunst des Überlebens
Akram Al Saud ist ein zurückhaltender Mensch. Geht es allerdings um Gerechtigkeit, erhebt er seine Stimme: „Ich versuche, für die zu sprechen, deren Stimme unterdrückt wird“, sagt er. Al Saud stammt aus Syrien, 26 Jahre lang lebte er unter den Repressionen des Assad-Regimes. Zehn Jahre später sitzt er in einer Kiezbibliothek in Berlin-Kreuzberg – vor sich ein frisch gedrucktes Buch, aus dem er an diesem Abend lesen wird.
Zoom in den Alltag
Radikal verschieden: Das «Radikal jung»-Festival bringt ein Potpourri junger Regieentwürfe auf die Bühne Ein Beitrag von Ella Rendtorff In den Zwanzigern scheint einem das Leben offen zu stehen. Gelegentlich stößt man aber auch auf verschlossene Türen. Dann heißt es: anklopfen, umdrehen oder radikal einrennen. Und plötzlich ist man mittendrin.
Theaterfestival Radikal Jung in München: Geht’s noch radikaler?
Radikal jung sein ist gar nicht so einfach. Die Zeiten, in denen nackte Haut oder 4 Minuten 33 Sekunden Stille Provokation hervorriefen, sind überlebt. Die alten Schocker schocken nicht mehr. Was also ist gemeint, wenn wir heute von radikalen Ästhetiken und Erzählweisen auf der Bühne sprechen? Kann junges Theater den Vorwürfen des Elitarismus, der Unzugänglichkeit und der Selbstbeweihräucherung standhalten? Die vereinfachte Antwort lautet: Ja, aber an manchmal fehlt die Schärfe.
Premiere am Berliner Theater Thikwa: Wo ist sie geblieben?
Ilse ist 93 Jahre alt. Uhren machen sie unruhig: „Weil ich unter Druck stehe, mit der Zeit.“ Bis ans Lebensende jagen wir ihr nach. Also messen wir sie, unterwerfen uns ihrem Takt. Eine Minute: rund 80 Herzschläge, 18 Atemzüge, 15 Wimpernschläge. Die Zeit ist unser ständiger Begleiter, und doch scheint sie immer rar. Wo sie geblieben ist, die Zeit?, fragt das inklusive Ensemble des Berlin-Kreuzberger Theater Thikwa in Kooperation mit dem feministischen Performance-Kollektiv Frauen und Fiktion.
Rauchverbot in Großbritannien: Gift oder Glamour?
H ast du mal Feuer? Eine ganze Generation wird das in Großbritannien zukünftig nur noch hinter vorgehaltener Hand fragen. Wer früher Zigarettenschachteln unter dem Bett versteckt hat, kennt die Strategien der Verbotsumgehung. Im Vereinigten Königreich werden sie fortan auf die Probe gestellt: Ein neues Gesetz verbietet die Beschaffung jeglicher Tabakprodukte für alle, die ab 2009 geboren sind – ein Leben lang.
Das Kollektiv „Club Gewalt“ in Berlin: Apokalyptisches Rauschen
Wie klingt er wohl, der Weltuntergang? Knirschend, hallend oder gleichmäßig, wie das manische Tippen auf einer Tastatur? Wie das Piepen eines Blutdruckmessers oder das Rauschen in den Ohren, kurz bevor einem schwarz vor Augen wird? Der Urknall, so heißt es, begann ohne Schall. Ob das im Rückschluss bedeutet, dass sich auch eine mutmaßliche Apokalypse in Stille vollzieht, ist zu bezweifeln. Denn unsere Welt existiert nicht ohne Lärm.
Berliner Kinder- und Jugendtheater: Mit der DDR am Tisch
„Jetzt mal Real Talk: Ich geh’ nicht auf die Bühne“, raunt es aus den hinteren Reihen, während sich der Saal bis auf den letzten Platz füllt. Die Bühne, das sind ansteigende Podeste und leere Stühle, wie ein Spiegel des Zuschauerraums, in den man von gegenüber blickt. Eine stumme Aufforderung. Zögerlich nehmen Vereinzelte dann doch auf der Bühne Platz, umspielt von den drei Schauspieler:innen des Abends, die umtriebig bunte Plastikbecher verteilen.
Zwischen Moabit und Madonna: Wie Fake-Brillanten
E s riecht nach fremden Räucherstäbchen, als ich am Freitagabend mit müdem Kopf meine Wohnung aufschließe. Etage fünf, zweimal Schlüssel umdrehen, dann springt die Tür auf. Aus dem Hausflur kriecht der hölzern-süßliche Geruch in die nachtschattige Wohnung und mit ihm das trübe Treppenhauslicht, das allen Farben die Sättigung entzieht. Auf meinen AirPods läuft „Blue Monday“ von New Order, eine Spur zu laut, zu entschlossen, und ich bin froh, dass dieser Freitag nichts mehr von mir will.
Human Rights Film Festival Berlin: Von Grenzgängern und Revolutionärinnen
Kunstschnee in einer kargen Steinhütte. Ein Mann tanzt mit nacktem Oberkörper auf einem zugefrorenen See. Zugezogene Gardinen, draußen vor dem Fenster Polizeigewalt. Szenen, die von Tristesse und Fragilität erzählen, aber auch von Resilienz. In einer politischen Gegenwart, in der autoritäre Kräfte weltweit erstarken, ist die globale Menschenrechtslage prekär. Wie sieht das Leben dort aus, wo Rechtssysteme unterwandert und Minderheiten verdrängt werden?
Syrisches Foltergefängnis Saidnaja: Zwischen Mauern der Gewalt
Es sei der Geruch, den er nicht mehr vergessen könne, sagt der syrische Journalist Amer Matar. Wer einmal das Foltergefängnis Saidnaja betreten habe, kenne den Geruch des Todes. Die große Anlage nördlich der syrischen Hauptstadt Damaskus liegt seit dem Sturz des Assad-Regimes im Jahr 2024 brach. Eröffnet 1987 als Militärgefängnis, wurde Saidnaja nach der syrischen Revolution zu einem Ort systematischer Folter und Hinrichtungen durch das Regime.
Ausstellung in der ifa-Galerie Berlin: Patchwork der Identitäten
Das weiße Tuch flattert im Wind. Es umweht die Silhouette einer Frau, sie blickt aufs Mittelmeer. Beginnt am Horizont Europa oder der afrikanische Kontinent? Die Farbfotografie der französisch-marokkanischen Künstlerin Sarah Makharine zeigt sie selbst am Strand, man blickt ihr über die Schulter auf das blaue Wasser. Der Abzug dieser schlichten Szene ist so klein, dass er fast in seinem breiten Passepartout verschwindet.
Volksbühnen-Premiere „Warten auf Bardot“: Warten ohne Ende
Wenn wir träumen, verlieren wir den Bezug zur Zeit. Wir hören auf, zu warten: auf die U-Bahn, auf ein Wunder, auf Godot. Mit „Warten auf Godot“ schrieb der irische Schriftsteller Samuel Beckett das wohl bekannteste Theaterstück der Moderne. An der Berliner Volksbühne jongliert die Schauspieler:in und Regisseur:in Meo Wulf mit Fragmenten aus dem Klassiker und überführt sie frei ins Reich der Träume.
Berichte digitaler sexualisierter Gewalt: Mein Gesicht, mein Körper
M ein Ex, übrigens ein Deutscher, hat so Fake-Accounts von mir erstellt. Einmal hat er eine E-Mail-Adresse von mir gefälscht und in meinem Namen seine Ex angeschrieben. Er hat so getan, als sei er ich und sie gefragt, wie das bei den beiden beim Sex damals so lief. Irgendwann hat sie mir dann eine Whatsapp-Nachricht geschickt, von wegen: „Aber das bleibt unter uns, ’ne?“ Und ich so: „Hä, was denn?“ Sie hatte ihm auf seine Mail geantwortet, weil sie dachte, die Fragen seien wirklich von mir gewesen.
Edith Tudor-Harts Fotografie in Berlin: Die Kamera als Waffe
Tief sitzen die Hüte und Schiebermützen in der Stirn, misstrauisch sind die Blicke, die sich in der Menschenmenge verlieren. Präzise und klar ist der Blick der Fotografin Edith Tudor-Hart, die diesen Moment auf Schwarzweißfilm festhält. Leicht von oben fängt sie das Geschehen ein: Arbeitslose demonstrieren im Wien der frühen 1930er Jahre.
Journalist Ronen Steinke in Leipzig: Seine Klinge auch an widrigen Gedanken wetzen
Weiße Schrift auf rotem Hintergrund: „Willkommen in der Weimerer Republik“ steht auf einem Plakat an der Stellwand eines Indie-Verlags auf dem Leipziger Messegelände. Dazu ein Foto des grinsenden Kulturstaatsministers, dem das Lachen nach seiner von Buhrufen begleiteten Eröffnungsrede auf der Leipziger Buchmesse am Mittwochabend wohl im Hals stecken blieb.
Artikel "Kerzen, Psalmen, Lobgesänge"
Im Münchner HochX geht Lulu Obermayer mit ihrer Performance «Schwester» ins Kloster Ein Beitrag von Ella Rendtorff Ein Leben ohne Männer in schwesterlicher Gemeinschaft, fernab von patriarchalen Erwartungen. In den sozialen Medien steht bei manchen jungen Frauen ausgerechnet das zölibatäre Ordensleben hoch im Kurs; spätestens seit drei betagte Chorschwestern aus Goldenstein Ende 2025 ihr Kloster besetzten und damit viral gingen, scheint das Dasein als Nonne im Trend zu liegen.
Artikel "Wildern im Revier der Männer"
Von der lähmenden Macht des Patriarchats: An den Münchner Kammerspielen inszeniert Felicitas Brucker Constance Debrés Autofiktion «Love me tender», Lucia Bihler seziert Marieluise Fleißers «Pioniere in Ingolstadt» am Münchner Volkstheater Ein Beitrag von Ella Rendtorff Der Sprung ins kalte Wasser. Die Ich-Erzählerin in Constance Debrés Autofiktion «Love me tender» wagt ihn: Mit Körperspannung und offenen Augen taucht sie ab in eine neue Existenz zwischen Mut und Übermut, Sehnsucht und Isolation.
Artikel "Ost-West-Kreisverkehr"
Philipp Löhle «Taxi nach drüben» (U) am Theater Ulm Ein Beitrag von Ella Rendtorff Das gelbe Taxi-Schild leuchtet im Halbdunkel des sechseckigen Bühnenraums. An den Wänden geben Straßenmarkierungen die Fahrtrichtung vor, in der Mitte sitzt das Publikum auf Drehstühlen, drum herum wird gespielt. Im Podium am Theater Ulm inszeniert Philipp Löhle mit «Taxi nach Drüben» die wahre Geschichte eines einfachen Mannes, der in die Mühle deutsch-deutscher Vergangenheit gerät.
Münchner Kammerspiele: "Dekadenz und Gagagugu"
In Zeitlupe sinken Kissenfedern auf den Teppichboden einer Hotelsuite. Offene Sektflaschen, verzerrte Gesichter, Dekadenz in Samtsesseln. Es sind die Bilder einer Afterhour, zu spät für Neuanfänge, zu früh fürs Ende. Mit dieser Videosequenz, gespielt vom Ensemble der Münchner Kammerspiele, kündigte die sogenannte Frankfurter Hauptschule auf Instagram ihr Regiedebüt an: 2 × 241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger.
Berliner Club SchwuZ: "Geschmacklos, aber mit Herz"
Der Sarg schimmert im lila Clublicht. "RIP SchwuZ" steht auf einem Schild, drumherum ein Meer aus Ziernelken. "Das Schild habe ich gestern noch schnell draufgeschraubt", sagt Gisela Sommer und zupft die Nelken zurecht. Bevor die Gäste kommen, macht die 51-Jährige das letzte Mal ihren Kontrollgang durch die verschachtelten Kellerräume des ältesten Queer-Clubs Deutschlands: das Schwulenzentrum, kurz SchwuZ, in Berlin-Neukölln.
Artikel "Im Taumel der Zeitenwende"
Das Residenztheater eröffnet die Spielzeit mit zwei modernen Klassikern: Barbara Frey inszeniert Ödön von Horváths «Kasimir und Karoline», Cosmea Spelleken übersetzt Irmgard Keuns «Nach Mitternacht» in einen multimedialen Abend Ein Beitrag von Ella Rendtorff Es schleicht umher, es lauert in den Ecken, es lässt sich nicht aufhalten: das Störgefühl, dass sich etwas anbahnt – ein ungebetener Gast, der durch die Tür spaziert, bevor man ihn überhaupt hineingebeten hat.
"Karla": Das Recht auf ein gutes Leben - gilt es auch für Kinder?
Seite 1Das Recht auf ein gutes Leben – gilt es auch für Kinder? Seite 2"Sie müssen mir glauben!" Im fahlen Schein der Schreibtischlampe sitzt ein Mädchen einem Polizeibeamten gegenüber, ihr Blick ist standhaft, er mustert sie skeptisch. Es ist spät abends und so still im Raum, dass man hört, wie sie Luft holt: "Ich bin Karla Ebel, 12 Jahre alt und möchte Anzeige erstatten." Der Grund: "unzüchtige Handlungen", § 176 StGB. Der Angeklagte: Karl Ebel, ihr Vater.
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